Seminar "Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben"
und Seminar für junge Leute
Freitag 22. Mai 2009 bis Sonntag, 24. Mai 2009
Von Freitag, den 22. Mai 2009 bis Sonntag, den 24. Mai 2009 trafen sich Mitglieder des LERNEN FÖRDERN Verbandes und Interessierte aus allen Teilen Deutschlands in Erkner bei Berlin zum diesjährigen LERNEN FÖRDERN Seminar „Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben durch Stärkung der Persönlichkeit junger Menschen mit Lernbehinderungen und durch Aufbau notwendiger Begleitung.“Seit mehreren Jahren wird dieses Seminar für Jugendliche und junge Erwachsene mit einer Lernbehinderung geöffnet, Selbstbestimmung wird damit verwirklicht. Junge Frauen und Männer mit Lernbehinderung und ihre Angehörigen können sich informieren, sich miteinander austauschen und neue Erkenntnisse gewinnen. Die Jugendlichen reisten gemeinsam mit ihren Eltern, Geschwistern, Partnern oder ehrenamtlich Engagierten an und setzten sich zweieinhalb Tage intensiv mit ihrer Arbeitssituation und ihrer Aktivität und Teilhabeauseinander.
Nach der allgemeinen Begrüßung am Freitagnachmittag für alle Teilnehmer durch die Bundesvorsitzende Mechthild Ziegler verteilten sich die verschiedenen Gruppen auf die Tagungsräume und begannen mit ihrer Arbeit.
Seminar: Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben
Der erste Seminartag stand im Zeichen wissenschaftlicher Beiträge und Untersuchungen der PH Heidelberg von Prof. Dr. Birgit Werner, Sven Basendowski und Sara Müller. Birgit Werner ging der Frage nach, in welchen alltäglichen Zusammenhängen der Mensch lesen und rechnen muss, in welchen Kontexten diese Kulturtechniken im Alltag benötigt werden und wie sie gelernt werden können, damit die Jungen und Mädchen mit einer Lernbehinderung das Gelernte in ihrem Alltag praktisch anwenden können. Sven Basendowski stellte erste Ergebnisse seines Forschungsprojekts BeWeMaKo (Berufliche Werdegänge – Mathematische Kenntnisse) zu den beruflichen Werdegängen von 500 Jugendlichen (Absolventinnen und Absolventen der Förderschule) vor, abschließend berichtete Sara Müller über eine Befragung zu Berufswünschen und deren Realisierung vor.
Die samstäglichen Vorträge widmeten sich den unterschiedlichen Wegen und Unterstützungssystemen in den Beruf und in die Arbeitswelt, die den Jugendlichen mit einer Lernbehinderung offen stehen. Bernhard Jäschke und Ludger Lünenborg vom lernen fördern Kreisverband Steinfurt, berichteten über die Förderkette von der Schule in den Beruf mit einer umfassenden Begleitung in allen Bereichen und von Lernen foerdern Dienstleistungen, einem Integrationsunternehmen, in dem derzeit 53 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einen Arbeitsplatz finden und jeder dort eingesetzt wird, wo seine individuellen Fähigkeiten optimal zum Tragen kommen.
Philipp Demling stellte die Konzeption des Förderzentrums Schwabach vor, in dem Mädchen und Jungen optimal auf ein Leben mit Arbeit vorbereitet werden.
Cornelia Biesenthal berichtete von einem Projekt, in dem ehrenamtliche Lernbegleiter bereits während der Schule mit Jugendlichen nicht nur lernen sondern sich auch um die Entwicklung von Sozialkompetenzen bemühen. Schließlich stellte Dr. Ingeborg Teipel das Patenmodell in Schopfheim vor. Ingeborg Teipel engagiert sich seit 10 Jahren neben ihrer Berufstätigkeit als Ärztin ehrenamtlich und hat inzwischen 15 Patenkinder betreut.
Dr. Ingeborg Teipelt ist Patin an der Johann-Peter-Hebel Förderschule in Schopfheim (Baden-Württemberg) und begleitet Jugendliche auf ihrem Weg in ihren Beruf: Von den letzten Schulklassen bis zu ihren Vorbereitung auf die Prüfungen und bei Bedarf auch darüber hinaus. Sie stellten den Zuhörinnen und Zuhörer das Patenmodell der Johann-Peter-Hebel-Schule näher vor: Es baue auf der Grundlage der „Gemeindenahen Förderschule“ auf und sei damit seit 10 Jahren sehr erfolgreich. Zum Erfolg tragen dabei insbesondere folgende Faktoren bei:
- Regelmäßige Treffen des Patenkreises
- Fortbildung der Paten
- Konzeptionelle Begleitung durch einen Patenbeirat
- Zusammenarbeit mit der Jugendberufshelferin der Förder- und der Berufsschule,
- dadurch ist auch eine gezielte Zuordnung Schüler-Pate möglich
- Mitarbeit der Oberstufenlehrer im Patenkreis
- Einbinden der Erziehungsberechtigten
- Mitwirken verschiedener gesellschaftlicher Gruppen (z.B. Kirchen)
- …
Auf diese Weise müsse kein Pate für sich arbeiten, sondern habe die Möglichkeit, sich mit anderen Paten auszutauschen und sich Rat bei Fachkräften zu holen – so erfahre jeder Pate und jede Patin auf vielfältige Art und Weise Unterstützung und könne einen persönlichen Gewinn aus ihrer Tätigkeit ziehen.
Die angenehme und produktive Arbeitsatmosphäre ermöglichte einen regen und nachhaltigen Austausch von Wissen und Informationen. In Arbeitsgruppen, bei den gemeinsamen Mahlzeiten, bei den Abendveranstaltungen (zum Beispiel einer historischen Stadtführung durch Erkner) und den sich anschließenden gemütlichen Zusammenkünften hatten die Tagungsteilnehmer Zeit und Raum, das Gehörte zu vertiefen und sich auch über ihre Situation und die Bedingungen in den verschiedenen Regionen und Bundesländern auszutauschen.
Am Sonntag setzte sich Ernst Heimes mit den Kriterien für eine erfolgreiche Teilhabe am Arbeitsleben auseinander und verdeutliche anschaulich, wie Familien ihre Kinder stärken und auf ihrem Weg begleiten können.
Bericht der Jugendlichen und jungen Erwachsenen
Während die Eltern, Partner, ehrenamtlich Engagierte und Interessierte zusammenkamen, um sich über die Förderung der Teilhabe am Arbeitsleben zu informieren und Impulse für ihre Arbeit zu gewinnen, setzten sich auch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen selbst mit diesem ihrem Anliegen auseinander und um ihre eigenen Bedürfnisse, Sorgen und Wünsche zu reflektieren. Einige der Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer kannten sich bereits aus den letzten Jahren, aber es waren doch wieder neue Teilnehmer dabei, die sich – wie sollte es dieses Jahr anders sein – erstaunlich schnell eingliederten: Eine neue, harmonische und gut zusammenarbeitende Gruppe entstand. Ca. 20 Jungen und Mädchen zwischen 15 und 31 Jahren arbeiteten an den zweieinhalb Tagen gut und fruchtbar zusammen – und hatten dabei auch sehr viel Spaß miteinander. Betreut wurden sie in diesem Jahr von Christian Ramin, Ursula Mittag und Martina Ziegler.
Der erste Tagungspunkt bestand selbstverständlich darin, sich (besser) kennen zu lernen. Nach dieser ersten Runde besprach sich die große Gruppe, welche Schwerpunkte sie in diesem Jahr setzen will. Verschiedene Vorschläge wurden von den jungen Leuten eingebracht, anschließend wurde gemeinsam besprochen, wie sich Gruppen zusammenfinden können. Eine schwierige Entscheidung in diesem Jahr – gab es doch einige Möglichkeiten, viele Ideen und Wünsche! Doch schließlich stand der Plan fest: Drei Arbeitsgruppen wurden gebildet, deren Inhalte und deren Verlauf auch von einigen Teilnehmern dokumentiert werden sollten. Ein Vorschlag, der aus der Gruppe kam und gerne aufgegriffen wurde, da auch der Umgang mit den neuen Medien, digitalen Abspielgeräten, Computer und Internet in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken ist. Mit Videokamera und Laptop ausgerüstet machten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die Arbeit. Dabei ließ sich Florian nicht von den technischen Hürden im Tagungshotel irritieren: Dank seines Engagements konnten die Gruppen bei der gemeinsamen Abschlussveranstaltung mit einer PowerPointPräsentation allen Beteiligten zeigen, womit die Jugendlichen ihre Zeit verbracht haben.
Das richtige Auftreten im Bewerbungsgespräch, aber auch in der Arbeit und der Freizeit nimmt heute einen immer wichtigeren Stellenwert ein: Wie wirke ich auf meinen (zukünftigen) Arbeitgeber? Wie kann ich mich richtig ausdrücken, wie meine Vorstellungen vermitteln? Mit dieser Frage beschäftigten sich deswegen alle Seminarteilnehmer, unabhängig von ihrer Gruppenarbeit: Aus diesem Grund absolvierten alle Jugendlichen am Samstagnachmittag ein Kommunikationstraining und referierten zu einem Thema ihrer Wahl, mit dem sie sich im Vorfeld auseinandergesetzt hatten. An der Flipchart stellten sie ihr Thema einer kleinen Gruppe vor und erhielten anschließend ein ausführliches Feedback. Alles natürlich vor laufender Kamera.
Die erste Kleingruppe beschäftigte sich mit Fragen rund um den Themenbereich Arbeit: Wie finde ich heute einen Arbeitsplatz? Unter welchen Bedingungen muss man heute arbeiten? Hier wurde das Thema Kurzarbeit/Umgang mit der Kurzarbeit ebenso angesprochen wie Kommunikation und Verhalten am Arbeitsplatz. Im Vordergrund standen Fragen zur Bewerbung: Wo kann ich mich bewerben? Wie bewerbe ich mich und worauf muss ich alles achten?
Die zweite Gruppe beschäftigte sich mit dem wichtigen Thema Partnerschaft und Beziehung: Was ist wichtig in einer Beziehung, wie kann ich mein Leben (meine Ausbildung, meine Berufsvorbereitung, meine Arbeit) gut mit meinem Privatleben vereinen? Ein wichtiger Punkt war in dieser Gruppe das Thema „Liebeskummer“: Wie kann ich damit umgehen, so dass ich trotz Liebeskummer mein Leben weiterlebe? Was kann ich machen, damit ich dennoch meine Arbeit gut machen, mich auf meine Ausbildung, auf das Lernen konzentrieren kann und mich von meinen Gefühlen nicht überwältigen lasse?
In einer sehr offenen und ehrlichen Runde besprachen sich die teilnehmenden Mädchen, tauschten sich aus und gaben sich gegenseitig Tipps. Es wurde deutlich, wie wichtig es ist, einen Ansprechpartner zu haben. Wenn mich etwas beschäftigt, und ich merke, dass ich nicht alleine damit zurecht komme, dann muss ich mit jemanden darüber reden.
Die dritte Gruppe setzte sich mit einer anderen wichtigen Alltagsfrage auseinander: Wohnen. Wer erwachsen wird, eine Ausbildungsstelle oder einen Arbeitsplatz hat, der hat den Wunsch, von zu Hause auszuziehen. Aber was muss ich dabei beachten? Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt? Die Jungen und Mädchen diskutierten rege die Vor- und Nachteile einer eigenen Wohnung und die damit verbundene Verantwortung. Dabei wurden die vielen Aspekte deutlich, die bedacht werden müssen – idealerweise, bevor ein Mietvertrag unterschrieben wurde. Entscheidend ist nicht nur die Finanzierung: Welche Kosten kommen auf mich zu? Was muss ich alles bezahlen? Ebenso wichtig ist die Überlegung, was es eigentlich für mich bedeutet, „allein zu wohnen“. Denn, das wird schnell deutlich, allein wohnen bedeutet auch, (fast) alles selbst machen zu müssen. Schließlich stellt sich die Frage: „Bin ich überhaupt gerne allein?“ …
Gearbeitet wurde von 9 bis 18 Uhr. Nach dem Abendessen ließ die Gruppe der jungen Erwachsenen gemeinsam den Abend ausklingen. Ob bei der Nachtwanderung, dem gemeinsamen Kegeln, beim Schwimmen, Spielen oder kreativen Arbeiten (Taschen und T-Shirts bemalen): Es war für jeden etwas dabei – und auch am Abend war Arbeit das Thema, über das am meisten gesprochen wurde.
Gemeinsamer Abschluss
Die drei Kleingruppen arbeiteten am Samstag und am Sonntagvormittag intensiv zusammen und präsentierten schließlich ihre Ergebnisse den Seminarteilnehmern der anderen Gruppe im gemeinsamen Abschluss.
Fazit
Ein Wochenende, das sich wieder einmal für alle Teilnehmer und Teilnehmerinnen gelohnt hat: Bestehende Kontakte und Freundschaften konnten wieder aufgenommen und vertieft werden, neue Bekanntschaften entstanden. Wie geht es nach der Schule, nach der Ausbildung weiter? Was mache in Zeiten der Erwerbslosigkeit? Diese Fragen, die wohl jeden jungen Menschen beschäftigen, standen nicht nur im Zentrum der gemeinsamen Gruppenarbeit, sondern waren auch Teil der „Pausen“-Gespräche. Ein Jahr ist vergangen, seitdem die Gruppe zu letzt zusammen getroffen war. Ein Jahr, in dem viel passiert ist. Durch den Austausch, durch den Kontakt konnten die jungen Erwachsenen wieder viel mitnehmen und Ideen und Möglichkeiten sammeln, wie es bei ihnen selbst weitergeht.
Und das Schönste ist doch, sich wiederzusehen und gemeinsam eine Aufgabe zu bewältigen – bis zum nächsten Jahr!
Martina Ziegler